Was mir der Wetterhahn über Fruchtbarkeit beibrachte

Was mir der Wetterhahn über Fruchtbarkeit beibrachte

Ich saß vor unserem alten Bauernhaus auf der Bank, meinem Lieblingsplatz unter der großen Linde. Die Herbstsonne war warm, von den Feldern hörte man die Traktoren, und irgendwann ging mein Blick nach oben, zum höchsten Punkt des Hauses. Dort steht auf einem kleinen Türmchen der Wetterhahn, rostbraun, ein Fuß erhoben, und dreht sich im Wind.

Ich fragte mich, was sich die Leute vor 250 Jahren dabei gedacht haben. Sie hatten wenig. Keine Maschinen, keine Versicherung, keine Vorräte für mehrere Jahre. Und trotzdem haben sie sich die Mühe gemacht, genau an der höchsten Stelle ihres wertvollsten Besitzes einen Hahn zu befestigen. Der musste von Hand gefertigt, hinaufgetragen und angebracht werden. Das macht man nicht, weil es hübsch aussieht. Das macht man, weil es etwas bedeutet.

Ich sah ihm lange zu. Irgendwann war ich so tief in dieses Selbstgespräch versunken, dass ich nicht mehr wusste, ob ich die Frage stellte oder sie mir gestellt wurde.

Und dann fing der Hahn an zu reden.

„Du überlegst, warum ich hier oben stehe.“

„Ja.“

„Weil die, die dieses Haus gebaut haben, wussten, wovon sie leben. Über der Haustür hätte man mich jeden Tag gesehen und bald nicht mehr bemerkt. Hier oben liegt alles unter mir: Stube, Stall, Scheune. Ich kriege die Sonne als Erster ab und den Wind auch, beides ohne Vorwarnung.“

„Und was solltest du ihnen sagen?“

„Nichts. Erinnern sollte ich sie. Daran, dass alles, was sie besitzen, von etwas abhängt, das ihnen nicht gehört.“

„Man sagt, du stehst für Fruchtbarkeit.“

Er drehte sich ein Stück.

„Stimmt. Nur anders, als es heute klingt. Der Bauer, der mich raufgesetzt hat, konnte den Boden vorbereiten, das Saatgut auswählen und den richtigen Tag abwarten. Ob das Korn aufgeht, hat er nicht entschieden. Fruchtbarkeit kann man nicht machen. Man kann ihr Platz geben, mehr nicht. Sie geschieht, wenn die Bedingungen offen genug sind.“

Ich dachte an die vielen Wohnungen, die ich als Bauträger gebaut habe. Ich habe geplant, kalkuliert und Termine gejagt. Im Rückblick lag vieles davon gar nicht in meiner Hand.

„Und was bleibt dem Menschen dann zu tun?“

„Warten.“

„Das klingt nach wenig.“

„Schau mich an. Ich bin seit Generationen nicht weiter als eine Drehung gekommen und habe trotzdem nie falsch gestanden.“ Er ließ das einen Moment wirken. „Ich tue nichts und halte mich die ganze Zeit bereit. Kommt der Wind, drehe ich mich, ohne Murren. Das ist Hingabe, und mit etwas, das größer ist als du, ist sie die einzige Zusammenarbeit, die ich kenne. Verhandeln kannst du mit dem Wind nicht. Probier es ruhig, ich schau gern zu. Der Bauer sät und tritt einen Schritt zurück. Das ist kein Verzicht. Das ist sein Beitrag.“

„Und wenn ich warte und nichts kommt?“

Der Hahn schwieg länger als zuvor.

„Dann ist es ein leeres Jahr. Ich habe welche gesehen, hier oben, mehr als eines. Warum manche Jahre leer bleiben, weiß ich nicht. Warten heißt nicht, dass es kommt. Es heißt, dass du bereit bist, wenn es kommt, und dich nicht zerreißt, wenn nicht.“

„Wo berührt uns das Große, ohne dass wir es bemerken?“

„Dort, wo es immer da ist. Genau deshalb übersieht man es. Nimm mich: Ohne Wind bin ich ein Stück Blech auf einem Dach. Er kommt, wann er will, aus der Richtung, die er will, und fragt mich nicht. Und die Bank, auf der du sitzt, die Wärme auf deiner Hand: Das kommt auch, ohne dass du irgendwo angefragt hast.“

Dann drehte er sich Richtung Hof, wo unser Brunnen steht.

„Dich sehe ich übrigens oft zum Brunnen gehen.“

Stimmt. Ich schaue dem Wasser gerne zu, wie es aus der Tiefe kommt, klar, gereinigt vom langen Weg durch das Gestein. Im heißen Sommer bin ich hingegangen, mit einer leisen Sorge im Bauch: Reicht es? Kommt es weiter?

„Es kam“, sagte der Hahn.

„Ja. Es kam.“

„Hast du es gemacht?“

„Nein.“

„Verdient?“

„Das ist keine Kategorie, die das Wasser kennt.“

„Eben. Und in der Hitze, als du öfter nachsehen gegangen bist, hast du gemerkt, wie sehr du am Zufluss hängst. Ich hab’s dir angesehen. Man sieht viel von hier oben.“

Ich schaute auf die Felder, wo gerade geerntet wird.

„Und die Ernte? Wem gehört sie dann?“

Der Hahn drehte sich langsam.

„Der Bauer steht vor seinem vollen Wagen und weiß für einen Atemzug, dass er den nicht gemacht hat. Dass es ihm gegeben wurde. Mehr ist Fruchtbarkeit nicht: etwas, das durch dich geschieht und dir trotzdem nicht gehört. Der Dank kommt dann von selbst, den muss man nicht üben.“

„Heute ist das selbstverständlich, das Brot kommt aus dem Regal.“

„Dieses Brot hatte auch einen Acker. Der liegt nur weiter weg.“

Ich dachte an das Brot, das Wasser im Brunnen, die Luft in meiner Lunge. Nichts davon hatte ich gemacht, und alles ging durch mich hindurch, so wie der Wind durch den Hahn.

Eine Weile schwieg ich. Dann fragte ich: „Was müssen wir verlernen, um das Große wieder zu spüren?“

Der Hahn ließ sich Zeit.

„Das Eilen. Das Festhalten. Den Glauben, dass nichts passiert, wenn du nichts tust.“

„Das ist viel.“

„Du musst nichts dazulernen. Es fällt von selbst ab, wenn du lange genug sitzt. Der Blick aufs Große ist ja nicht weg, er ist nur verstellt: mit Plänen, mit Lärm, mit dem Wunsch, alles zu lenken. Wird das leiser, ist er wieder da.“

Wie lange ich danach noch dort saß, weiß ich nicht. Der Hahn sagte nichts mehr, und ich hatte keine Fragen mehr.

Ich fühlte mich eingebunden, als Teil eines großen Zyklus, nachdem ich eine Weile darin versunken war.
Vielleicht ist das auch Erntedank:
der Moment, in dem man merkt, dass man mittendrin sitzt. Und das Verlernen hat vermutlich längst begonnen.

Als ich aufstand, um ins Haus zu gehen, sah ich noch einmal hinauf. Der Hahn stand still, den Fuß erhoben, den Blick in die Ferne gerichtet. Dann kam ein Windstoß aus Westen.

Und er drehte sich mit.

Seit diesem Nachmittag denke ich oft daran, dass vieles von dem, was wir in unseren Seminaren machen, genau das ist: nichts hinzufügen, sondern Platz schaffen, damit der verstellte Blick wieder frei wird. Weniger Eilen, weniger Festhalten, mehr Stille und Aufmerksamkeit für das, was ohnehin da ist.

Es ist schön zu sehen, was dann passiert. Da sitzt jemand am zweiten Tag zum ersten Mal einfach da, am Boden, ohne etwas zu tun, einfach nur im Moment. Menschen kommen bei sich an, und auf einmal sind sie auch bei den anderen im Raum angekommen. Es entstehen Begegnungen, die vorher vielleicht nicht möglich gewesen wären.

Mir hat der Hahn das an einem Nachmittag auf der Bank gezeigt.

1 Kommentar
  • Susan
    Veröffentlicht um 09:03h, 08 Oktober Antworten

    Danke, Wolfgang, dass du dieses schöne Erlebnis mit uns teilst.
    Ich habe (zufällig, bevor ich deinen Text las) für einen Moment, einen Tag, das Eilen, das Festhalten, das Machen-Müssen, weggelassen. Und das war so gut. Ich fühlte mich, als ob ich viel mehr „ich selbst“ sei.
    Und jetzt lese ich deine Worte und bin berührt, und still. Danke, dass du uns an deiner Weisheit teilhaben lässt. ♥

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